Prolog

Polyrhythmik

Diese Seite verwendet u.a. Ausschnitte aus den Dokumentationen
„1913 – Der Tanz auf dem Vulkan“ (hier erhältlich) und
„Sarajevo – Der Weg in die Katastrophe”
(In der ZDF-Mediathek)

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Ein Schuss stürzt die Welt ins Chaos.

Ein Jahr zuvor: Die Künstler Europas brechen in neue Welten auf, in denen die Strukturen des Alten Europas nicht mehr gelten sollen. Es ist eine Zeit, in der sich die Kultur schneller voran bewegt als die rückwärtsgewandte Politik der herrschenden Monarchien. Die Gesellschaft weiß noch nicht, wie sie sich in dieser „polyrhythmischen“ Welt positionieren soll. Das Missverhältnis entlädt sich am 29. Mai 1913. Bei der Uraufführung von Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“ kommt es zum Eklat: Das Pariser Publikum ist empört über die brachialen Melodien des russischen Komponisten und die rohe Choreografie von Vaslav Nijinsky.

In allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen geschehen radikale Umbrüche: Pablo Picasso und Georges Braque beweisen mit dem Kubismus, dass man Perspektivwechsel malen kann. Coco Chanel löst mit ihren schlichten Mode-Entwürfen die pompösen Designs von Paul Poiret ab. Schriftsteller wie Franz Kafka oder Robert Musil distanzieren sich in ihren Texten von der Vätergeneration:

- Klicken Sie auf die Portraits um mehr zu erfahren -

Die Vätergeneration wird durch die Herrscher des Alten Europas vertreten, die das gesellschaftliche Umdenken nicht wahrzunehmen scheinen. Sie feiern die Hochzeit von Preußens Prinzessin Viktoria Luise und Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Weder Viktorias Vater, der deutsche Kaiser Wilhelm II., noch George V. von England oder der russische Zar Nikolaus II. ahnen, dass es ihr letztes friedliches Aufeinandertreffen ist. Denn so wie sich Kultur und Gesellschaft verändern, wird der Erste Weltkrieg schon bald die Politik umstürzen. Und die Monarchen werden all ihre Macht verlieren.

29. Mai 1913 : Krieg im Theater

Nach der Hochzeit

Mai 1913 : Ein Oberst stört die Party

victoria_luiseEin rauschendes Fest liegt hinter ihnen! Kaiser Wilhelm, Zar Nikolaus und King George sind noch in Katerstimmung nach der Hochzeit zwischen Wilhelms Tochter Victoria Luise von Preußen und Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Fröhlich und friedlich haben die großen Monarchen am 24. Mai 1913 zusammen gefeiert. Und jetzt das! Willy, Nicky und Georgie – wie sich die Herrscher liebevoll nennen – erfahren vom Selbstmord des österreichischen Oberst Redl. Er hat sich als Spion für die Russen entpuppt!

Die Monarchie Europas reagiert versucht die Blamage zu vertuschen. Franz Conrad von Hötzendorf, Generalstabschef von Österreich-Ungarn, sendet ein Telegramm an Franz Ferdinand, den ungarischen Thronfolger und Generalinspektor der k.u.k.-Armee. Darin behauptet er, Redl hätte sich aus unbekannten Gründen erschossen. Der Presse wird die gleiche Lüge mitgeteilt. Nach außen hin wird versucht, den friedlichen Schein zu wahren. Hinten herum werden Unterlagen von Redl ausgewertet: Er hat einen großen Teil österreichischer Aufmarschplanungen gegen Russland verraten.


Ein Relikt aus dem Kaiserreich

Die Historikerin Dr. Claudia Becker über Viktoria Luise

Wie war wohl die Stimmung auf der Hochzeit zwischen Viktoria Luise und Ernst August? Immerhin waren alle wichtigen Monarchen Europas anwesend, haben die alle nichts vom Krieg geahnt?

Dr. Becker: Ich glaube nicht, dass der Adel in jenen Tagen im Mai 1913 in ernsthafter Krisenstimmung war. In ihren Memoiren betont Viktoria Luise, wie harmonisch es auf ihrer Hochzeit zuging. Es war ja ein Familientreffen. Kaiser Wilhelm, Zar Nikolaus und König George waren Vettern. Sie haben am Rand der Hochzeitsfeierlichkeiten ein Freizeitprogramm mit Ausflügen und Paradebesuchen genossen.

…und doch hat man gleichzeitig mobil gegeneinander gemacht?

Dr. Becker: Ja, vor allem England und Deutschland lieferten sich seit einigen Jahren ein Wettrüsten, das das erste große der Weltgeschichte war. Die Regierungen verkauften der Öffentlichkeit die Aufrüstung der Flotten als notwendige Abschreckungspolitik.  Und in der Bevölkerung der jeweiligen Staaten wurde die Angst vor der Bedrohung durch die Royal Navy beziehungsweise durch die deutsche Marine geschürt. Allein vor diesem Hintergrund war das große Zusammentreffen des Adels doch skurril.

Als nach dem Krieg dann die Monarchie am Ende war, wurde da nicht auch Viktoria Luise als skurriles Relikt einer anderen Zeit wahrgenommen?

Dr. Becker: Sie war ein Relikt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1980 gab sie sich kaisertreu. Sie hat ihren Vater über alle Maßen geliebt und bewundert. Sie hat sich auch immer als eine Landesmutter gesehen, die sie natürlich nicht war. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie 1954 von Schloss Marienburg in eine Villa nach Braunschweig um, wo sie in einem Mikrokosmos lebte, in dem die Monarchie konserviert wurde.

Das heißt, sie konnte sich den modernen Zeiten nicht anpassen?

Dr. Becker: Das kann man so nicht sagen. Viktoria Luise nahm am modernen Leben teil, hat gerne getrunken und geraucht und Aufmerksamkeit genossen. Und sie war sehr sozial engagiert. Dass sie sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte und sich bewusst zu einer schillernden Figur der Yellow Press machte, hat schließlich zum Streit mit der Familie geführt. In Braunschweig war sie eine Instanz, Viktoria Luise galt als hilfsbereit und den Menschen zugewandt. Sie war keine Diva. Mein eigener Ur-Großvater war 1913 in Metz stationiert und ist Viktoria Luise begegnet. Er erzählte immer, dass sie bei einem Truppenbesuch unglaublich freundlich wirkte und ihm eine Rolle Drops geschenkt hat…


 

JUNI 1913 : SCHULMASSAKER

Die Nachricht könnte in leicht abgewandelter Form heute in den Zeitungen stehen, doch sie erscheint im Juni 1913: An der Sankt-Marienschule in Bremen-Walle werden bei einem Amoklauf fünf Mädchen getötet und 18 Kinder lebensgefährlich verletzt. Der Täter heißt Heinz Jacob Friedrich Ernst Schmidt. Er ist ein frustrierter 30-jähriger Lehrer ohne Anstellung, der nach eigener Aussage vom Hass auf alle Jesuiten angetrieben ist.

 

JULI 1913 : DER BALKANKRIEG

Balkan Troubles

Der Balkankrieg ist der Prolog zum Ersten Weltkrieg. 1912 schaffte Russland den Balkanbund zwischen Serbien und Bulgarien, Griechenland und Montenegro. Dadurch war nicht länger Österreich-Ungarn sondern das Osmanische Reich primäres Ziel. Montenegro erklärte dem Osmanischen Reich den Krieg. Mit vereinter Truppenstärke konnten die Balkan-Bündnispartner die osmanischen Streitkräfte im Ersten Balkankrieg schlagen. Am 30. Mai 1913 wurde im „Londoner Vertrag“ der Krieg für beendet erklärt. Doch es kommt zum Streit um die Territorien. In der Nacht des 29. Junis greifen bulgarische Truppen ohne Vorwarnung die griechischen und serbischen Armeen an.

Der Zweite Balkankrieg bricht aus. Serbien und Griechenland erklären Bulgarien am 8. Juli den Krieg. Zwei Tage später folgt Rumänien und dann das Osmanische Reich. Bulgarien wird von allen Seiten angegriffen und muss sich schon im Juli – einen Monat nach Kriegsausbruch – geschlagen geben. Der Balkan bleibt ein brodelnder Kessel. In der Donaumonarchie Österreich-Ungarn kommt es zum Streit, wie mit den slawischen Völkern außerhalb der Monarchie umzugehen sei. Serbien ist nach dem Zweiten Balkankrieg stärker als zuvor. In Wien fürchten viele, dass schon bald Gefahr aus dem Nachbarland drohen könnte. Zurecht: Das Attentat des Serben Gravilo Princip auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand wird den Ersten Weltkrieg auslösen.

JUNI 1914 : DAS ATTENTAT

Am Vortag hat es in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzigowina, geregnet. Doch heute, am 28. Juni 1914, ist strahlender Sonnenschein. Ein gutes Omen für den Besuch des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie? Ein schlechtes Omen gibt es allerdings auch: Heute ist der Veitstag. Die Serben gedenken an diesem Tag einer Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo. Hier wurden sie 1389 von osmanischen Verbänden geschlagen und ins Osmanische Reich integriert. Im Zweiten Balkankrieg hatte das unabhängige Serbien ein neues Selbstbewusstsein erlangt – und so empfinden es die vielen Serben, die in Sarajevo leben, als Affront, dass der politische Gegner eine Machtdemonstration an ihrem heiligen Trauertag unternehmen will.

Erzherzog Franz Ferdinand gibt nichts auf die Warnungen. Er besteht darauf, dass seine Fahrt zum Rathaus in Sarajevo locker und volksnah wirkt. Ohne starke Sicherheitsvorkehrungen will er mit offenem Verdeck durch die Straßen gefahren werden, um dem Volk zuwinken zu können. Er hätte vorsichtiger sein sollen: Sieben serbische Attentäter stehen am Straßenrand bereit, um Franz Ferdinand zu töten. Sie sind mit kleinen Bomben ausgerüstet, die innerhalb von zwölf Sekunden zünden können. Geladene Pistolen stecken in ihren Taschen, daneben Zyanidpulver, mit dem sie sich nach dem Attentat selbst töten wollen. Die erste Chance auf ein Attentat hat Muhamed Mehmedbašić. Doch als der Auto-Korso an ihm vorbei fährt, traut er sich nicht, die Bombe zu werfen. Sein Kollege Nedeljko Čabrinović, der wenige Straßen weiter postiert ist, wagt es. Doch seine Bombe verfehlt ihr Ziel und explodiert hinter dem Auto des Erzherzogs, in dem auch Oskar Potiorek sitzt, Landeschef von Bosnien und Herzigowina. Offiziere im hinteren Wagen werden verletzt.

attentat_sarajevo

Der Autokorso kommt kurz zum Stillstand. Der schwer verletzte Oberstleutnant Merizzi wird ins Krankenhaus gebracht, während Čabrinović sein Gift schluckt und in die Miljacka springt. Doch das Gift wirkt nicht: Der Attentäter wird aus dem Fluss gezogen und verhaftet. Franz Ferdinands Selbstbewusstsein ist unerschütterlich. Er sieht sich immer noch nicht in ernsthafter Gefahr und befiehlt, dass die Fahrt zum Rathaus wie geplant fortgesetzt wird. Ein dritter Attentäter, Gavrilo Princip, hat die Explosion gehört und ist zum Ort des Geschehens gerannt. Als er sieht, dass das Attentat gescheitert ist und Čabrinović verhaftet wird, taucht er in der Menge unter. Die weiteren Attentäter, die noch auf der Strecke zum Rathaus warten, verlieren die Nerven und tauchen ebenfalls unter. Am Rathaus kommt es zu einer absurden Anekdote. Fehim Effendi Ćurčić, ist so aufgebracht von den Ereignissen des Vormittages, dass ihm vor lauter Nervosität nichts Besseres einfällt, als seine vorbereitete Rede abzulesen: „Eure kaiserliche und königliche Hoheit! Hochbeglückt sind unsere Herzen…“ Franz Ferdinand unterbricht: „Herr Bürgermeister! Da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und man wirft auf einen mit Bomben. Das ist empörend!“ Der Rathausbesuch wird zähneknirschend wie geplant zu Ende geführt. Doch dann besteht Franz Ferdinand darauf, einen angedachten Museumsbesuch auszulassen. Stattdessen will er den verletzten Oberstleutnant Merizzi sehen.

Der Autokorso bricht wieder auf und fährt eine improvisierte Route zum Krankenhaus. Und die führt ausgerechnet an Gavrilo Princip vorbei! Der kann den Zufall kaum fassen und ergreift die Gelegenheit. Er stürmt über die Straße, zieht seine Pistole und feuert durch die die Autotüren. Landeschef Potiorek bleibt unverletzt. Doch Sophie wird in den Bauch getroffen. Während sie in Franz Ferdinands Armen innerlich verblutet, beschwört er seine Frau, am Leben zu bleiben. „Für unsere Kinder!“ ruft er. Dann wird er von einer weiteren Kugel aus Princips Pistole getroffen. Das Geschoss zerreißt seine Halsvene. Der Erzherzog verblutet.

Juli 1914

DIE URKATASTROPHE DES 20. JAHRHUNDERTS

„Erzherzog Franz Ferdinand ermordet!“

Die Telegrafen in ganz Europa laufen heiß. Schnell erreicht die Schreckensnachricht die Hauptstädte.

Sankt Petersburg Berlin Wien London Paris Sarajevo

Das Attentat von Sarajevo hat im Jahr 1914 eine ähnliche Wirkung wie der 11. September im Jahr 2001. Es ist ein terroristischer Anschlag, der Europa in eine diplomatische Krise stürzen wird. Den ganzen Juli über werden die Mächtigen diskutieren, debattieren und streiten. Alle Monarchien Europas haben gemeinsam, dass sie ihren politischen Zenit überschritten haben. Die zerfallenen Strukturen werden nur noch von altertümlichem Pomp zusammengehalten, der im Volk nicht mehr ernst genommen wird. Um ihre Bedeutung voreinander zu beweisen, zeichnen sich die Staaten durch ungezügelte Großmannssucht aus. Obwohl niemand explizit einen Krieg will, scheinen in den Köpfen der Machthaber immer noch die Worte zu spuken, die der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke schon 1880 sagte:

„Der Frieden ist ein Traum – und nicht einmal ein schöner. Und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. Ansonsten würde die Welt im Materialismus versumpfen.“

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wien

ÖSTERREICH-UNGARN
(Teil der Mittelmächte: verbündet mit dem Deutschen Reich und Italien)

Österreich-Ungarn ist 1914 ein großes, aber auch zerrissenes Reich. Viele Balkan-Länder sind besetzt – und so wird Österreich-Ungarn unter anderem auch von zahlreichen Tschechen, Slowaken, Polen, Ukrainern, Rumänen, Slowenen, Italienern und Serben bevölkert. Aus der Bevölkerung der besetzten Gebiete ist nicht mit dem gleichen Patriotismus und Vaterlands-Eifer zu rechnen wie unter den Österreichern. Die Machthaber leiden unter der permanenten Paranoia, ihr Reich könne zerfallen. Immer wieder lehnen sich die besetzten Gebiete auf: Besonders leidet Kaiser Franz Joseph I. unter dem tödlichen Anschlag auf seine Frau Sisi, den 1898 der italienische Anarchist Luigi Lucheni verübte. Den Anschlag der Serben auf Franz Ferdinand in Sarajewo kann und will er nicht ohne weiteres verzeihen. Wien steht vor der Zerreißprobe: reagiert man nicht, so wird es als Schwäche ausgelegt und das fragile Staatsgebilde kann auseinanderfallen. Untätigkeit dagegen könnte die verbreitete Überzeugung bestätigen, dass dieses Reich bereits in den letzten Zügen liegt. Ein militärisches Vorgehen ist zwar nicht unbedingt in Franz Josephs Sinne, doch er will scharfe Ermittlungen gegen die Attentäter von Serbien einfordern. Der Generalstabs-Chef Franz Conrad ist dagegen für einen sofortigen Angriff. Die Militärs und diverse Politiker hoffen schon lange auf die Gelegenheit, durch kriegerisches Handeln Stärke und Macht zu demonstrieren. Doch für einen Überraschungsangriff auf Serbien kann die k.u.k.-Armee nicht schnell genug mobil gemacht werden. Ein geplanter kriegerischer Angriff Österreich-Ungarns ist allerdings nur mit der Unterstützung der Bündnispartner in Deutschland möglich.

Am 5. Juli fährt daher der Legationsrat Alexander Hayos nach Berlin und fordert vom Deutschen Reich die Zusicherung, im Kriegsfalls Österreich-Ungarn zu unterstützen. Tatsächlich stellt Kaiser Wilhelm II. den berühmten „Blanko-Scheck“ aus, der als Schlüsseldokument gilt. Am 6. Juli geht ein Telegramm des deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg nach Wien. In dem kurzen Text sichert das Deutsche Reich den österreichisch-ungarischen Bündnispartnern „volle und bedingungslose Unterstützung“ zu. Ohne diese Zusicherung wäre Österreich-Ungarn nicht gerüstet gewesen – der Erste Weltkrieg hätte nicht stattgefunden. Am 14. Juli sitzen die k.u.k.-Minister zusammen und formulieren ein 48-stündiges Ultimatum an Serbien. Die Forderungen sind so scharf, dass damit zu rechnen ist, dass Serbien sie nicht erfüllen wird. Jetzt ist Österreichs letzte Chance, den ersten Schritt hin zur Kriegserklärung zu unterlassen. Die Bündnispartner Russland und Frankreich ermahnen Österreich: Sollte es zu einem Angriff auf Serbien kommen, dann werden sich weder Russland noch Frankreich zurückziehen sondern Krieg gegen Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich führen. Doch die Fronten sind verhärtet: Für einen Rückzug des Ultimatums ist es zu spät. Am 23. Juli wird es in Belgrad übergeben.

In zehn Forderungen verlangen die k.u.k.-Mächte die schärfsten Ermittlungen gegen die Drahtzieher des Sarajevo-Attentats. Außerdem soll erlaubt werden, dass die k.u.k.-Mächte selbst auf serbischem Boden ermitteln dürfen. Anti-österreichische Publikationen sollen rigoros verboten werden. Serbien geht nur bedingt auf die Forderungen ein. Und so unterschreibt Kaiser Franz Joseph am 28. Juli 1914 in seiner Villa in Bad Ischl die Kriegserklärung an Serbien. Vor ihm auf seinem Schreibtisch steht die marmorne Büste seiner verstorbenen Frau Sisi.

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berlin

DEUTSCHES REICH
(Teil der Mittelmächte: verbündet mit Österreich, Ungarn und Italien)

Kaiser Wilhelm II. liebt das Meer. Er segelt über die Kieler Förde und bereitet sich auf eine Regatta vor, als ihm ein Admiral die Nachricht vom Tode Franz Ferdinands zuruft. Wilhelm ruft zurück: „Meinen Sie, ich soll die Regatta abbrechen?“ Er bricht ab und reist nach Berlin. Das Deutsche Reich hat wie Österreich-Ungarn Probleme mit der Selbstwahrnehmung. Die Paradeuniformen glänzen zwar noch, doch sie repräsentieren ein geschwächtes Reich. Spätestens seit 1907, als sich die „Triple Entente“ zwischen Russland, Frankreich und Großbritannien formierte, fühlt sich das Reich von Feinden umzingelt. Ständig fürchten die deutschen Machthaber, Russland und Frankreich könnten aufrüsten und das Deutsche Reich in die Knie zwingen. Der Generalstabschef Helmuth von Moltke drängt daher schon seit 1908 auf einen Präventivkrieg. Erst 1912 lässt sich Kaiser Wilhelm auf Überlegungen in diese Richtung ein: Er spielt mit dem Gedanken, den Ersten Balkankrieg als auslösendes Ereignis zu nutzen, lässt die Gelegenheit aber verstreichen. Das Attentat von Sarajevo dagegen ist die „Goldene Gelegenheit“, die nicht verstreichen sollte…

Als sich Österreich-Ungarn am 5. Juli an das Deutsche Reich wendet, um bedingungslose Unterstützung in einem Krieg gegen Serbien zu erbitten, stellt Wilhelm II. den „Blanko-Scheck“ aus, mit dem Reichkanzler Bethmann Hollweg Österreich-Ungern die „volle und bedingungslose“ Unterstützung zusichert. Die meisten deutschen Beteiligten glauben nicht daran, dass Russland in einen österreichisch-serbischen Krieg eingreifen würde. Doch Kurt Kiezler, Vertrauter von Bethmann Hollweg, schreibt in sein Tagebuch: „Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen. Der Kanzler erwartet von einem Krieg, wie er auch ausgeht, eine Umwälzung alles Bestehenden […]. Kommt der Krieg aus dem Osten, so dass wir also für Österreich-Ungarn und nicht Österreich-Ungarn für uns ins Felde zieht, so haben wir Aussicht, ihn zu gewinnen. Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über diese Aktion auseinander zu manövrieren.“ Dass Kaiser Wilhelm unter diesen Umständen bereits am nächsten Tag in den Urlaub nach Norwegen fährt, ist erstaunlich und kann auf zwei Arten gewertet werden: Entweder ist Wilhelm erschreckend naiv oder er will bewusst ein Täuschungsmanöver fahren, um die Kriegsgefahr öffentlich zu relativieren. Das letztere Szenario ist das realistischere, gerade vor dem Hintergrund, dass dem Deutschen Reich ein Krieg gelegen käme, um den Entente-Staaten seine Macht zu demonstrieren. Hinzu kommt, dass Berlin die Freundschaft zu Österreich-Ungarn verlieren könnte, würde keine bedingungslose Unterstützung signalisiert werden. Und Österreich-Ungarn ist der einzige Bündnis-Partner des Deutschen Reiches…

Kanzler Hollweg bringt die komplizierte Lage auf den Punkt: „Es ist unser altes Dilemma bei jeder österreichischen Balkanaktion. Reden wir ihnen zu, so sagen sie, wir hätten sie hineingestoßen. Reden wir ab, so heißt es, wir hätten sie im Stich gelassen. Dann nähern sie sich den Westmächten, deren Arme offenstehen, und wir verlieren den letzten mächtigen Bundesgenossen.“ Die deutsche Regierung wird am 22. Juli über das 48-stündige Ultimatum informiert, das Österreich-Ungarn an Serbien gestellt hat. Wilhelm entschließt sich zu verhandeln, um den Frieden zu retten – ein Zeichen, dass er tatsächlich nicht mit einem Ausbruch des Krieges gerechnet hat. Hollweg stellt sich gegen den Kaiser: Er will den Krieg! Nachdem Serbien die Forderungen aus dem Ultimatum nur bedingt erfüllen will, sieht Wilhelm keinen Kriegsgrund mehr. Doch diese Tatsache übermittelt Hollweg nicht nach Wien, sondern versichert weiterhin, dass das Deutsche Reich bedingungslos zu Österreich-Ungarn halten wird.


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petersburg

RUSSLAND
(Teil der Entente: verbündet mit Großbritannien, Frankreich und Serbien)

Die Staaten sind verfeindet, doch ihre Herrscher pflegen eine persönliche Freundschaft. Im Mai 1913 hatten Zar Nikolaus II. und Kaiser Wilhelm II. noch die Hochzeit von Wilhelms Tochter Viktoria gefeiert. Ein Jahr später sind beide Herrscher verreist: Während „Willy“ auf Regatta in Kiel ist, weilt sein Duzfreund „Nicky“ im Urlaub in Finnland. Er genießt die letzten friedlichen Stunden dieses Sommers, als ihn die Nachricht vom Tod Franz Ferdinands erreicht. Nikolaus weiß, dass ihn das Attentat vor große diplomatische Herausforderungen stellen wird. Russland fühlt sich Serbien eng verbunden. Das Zarenreich sieht sich als Behüter der slawischen Völker und sieht den Balkan als eigenes Einflussgebiet. Zar Nikolaus sieht es als seine höchstpersönliche historische Mission an, die Unabhängigkeit der slawischen Völker zu beschützen – und daher ist ihm gerade die Unabhängigkeit Serbiens ein heiliges Anliegen. Dass Österreich harte Sanktionen für das Attentat fordert, kann aber auch den Zaren nicht überraschen. Daher macht er deutlich, dass er es zwar für richtig hält, die einzelnen Täter zu bestrafen, nicht aber einen gesamten souveränen Staat verantwortlich zu machen.

Als Österreich-Ungarn das 48-stündige Ultimatum an Serbien stellt, ist Zar Nikolaus zu allen Konsequenzen bereit: Sollte Österreich Serbien angreifen, so wird Russland Österreich den Krieg erklären! Während das Ultimatum in Belgrad übergeben wird, empfängt Zar Nikolaus in St. Petersburg Staatsbesuch seiner französischen Verbündeten. Er verspricht ihnen, im Kriegsfall Frankreich gegen das Deutsche Reich zu schützen. Denn der deutsche Schlieffenplan sieht vor, dass im Kriegsfall gegen Russland zunächst Frankreich geschwächt wird, während Russland noch mobil macht. Der russische Außenminister Sergei Sasonow antwortet am 25. Juli auf das Ultimatum: Die Forderungen Österreich-Ungarns an Serbien ständen in keinem Verhältnis zu den eventuellen Versäumnissen Serbiens. Damit spricht Sasonow ganz im Sinne des Zars. Wie sein deutscher Freund „Willy“ will „Nicky“ einen Krieg verhindern. Doch er ahnt, dass es dafür bereits zu spät sein könnte. Die russische Mobilmachung läuft schon, als ein Telegramm von Wilhelm II. an Zar Nikolaus II. eintrifft:  „Eingedenk der innigen Freundschaft, die uns seit langem so fest verbindet, nutze ich meinen ganzen Einfluss, um die Österreicher zu einer befriedigenden Verständigung mit Dir zu veranlassen. Herzlichst Dein treuer Freund und Vetter Willy.“ Doch die Zahnräder können auch von Willy und Nicky nicht mehr angehalten werden.

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paris

FRANKREICH
(Teil der Entente: verbündet mit Russland und Großbritannien)

Die Nachricht, dass Franz Ferdinand getötet wurde, erreicht Paris. Doch die Franzosen interessieren sich mehr für amouröse Verwicklungen als für kriegerische Akte: Nicht das Attentat sondern der Sexskandal eines ehemaligen Regierungschefs sorgt für Schlagzeilen. Die Regierung rund um den französischen Präsidenten Raymond Poincaré rechnet nicht mit gefährlichen politischen Folgen. Das ändert sich erst, als Poincaré mit dem französischen Ministerpräsidenten und Außenminister René Viviani am 20. Juli nach St. Petersburg reist, um einen Staatsbesuch beim Entente-Partner Russland zu absolvieren. Während ihres Besuchs, erfahren die Bündnis-Partner vom Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien. Die Franzosen sind alarmiert – selbst der pazifistische Viviani, der erst seit vier Wochen im Amt ist.

Sie fürchten sich vor einem deutschen Präventivkrieg, der laut Schlieffenplan zuerst Frankreich treffen würde. Viviani hofft auf erfolgreiche Verhandlungen mit Österreich. Er will die k.u.k.-Monarchie zur Mäßigung anhalten. Doch Poincaré glaubt nicht an eine diplomatische Lösung. Er schwört Zar Nikolaus auf Unnachgiebigkeit gegen Wien und Berlin ein und verspricht Russland, dass Frankreich im Kriegsfall zu seiner Bündnistreue stehen wird. Dafür soll Russland zusichern, dass die Armee des Landes Ostpreußen angreifen wird, um einen Angriff auf Frankreich zu vereiteln. „Die Zeit ist gekommen, standhaft zu bleiben“, sagt Poincaré. Zu oft hätte Frankreich Zugeständnisse an Deutschland gemacht und sei dem Reich, dass stets danach strebe, seine Macht zu erweitern, mit Nachsicht entgegengetreten. Zar Nikolaus sagt seine Bündnistreue zu. Und der Pazifist Viviani erleidet einen Nervenzusammenbruch, der dem französischen Volk, als „Leberkolik“ verkauft wird.

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london

GROSSBRITANNIEN
(Teil der Entente: verbündet mit Russland und Frankreich)

Auf der britischen Insel zeigt man sich fast gänzlich unbeeindruckt von dem Attentat in Sarajevo. Bis zum 24. Juli wird die daraus resultierende europäische Krise nicht einmal diskutiert. Doch dann muss sich Großbritannien zu dem Ultimatum von Österreich-Ungarn an Serbien positionieren. Außenminister Edward Grey bezeichnet die Forderungen der ungeliebten k.u.k.-Monarchie als „brüsk, unvermittelt und herrisch“. Er macht mehrere Vorschläge zu diplomatischen Lösungen, die aber allesamt zurückgewiesen werden. Großbritannien will sich vollständig aus dem Konflikt heraushalten – die Probleme sollen auf dem Festland gelöst werden, wo sie auch verursacht wurden. Auch die britische Öffentlichkeit ist mit diesem Vorgehen einverstanden. Niemand will britisches Leben im Namen der russischen Hegemonie über slawische Völker opfern. Erleichtert schreibt Premierminister Herbert Henry Asquith: „Zum Glück besteht offenbar kein Grund, weshalb wir mehr als reine Zuschauer sein sollen.“ Er ahnt nicht, dass Großbritannien schon sehr bald in den Krieg hineingezogen werden wird.

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sarajevo

SERBIEN
(Unabhängig)

Serbien hat gute Gründe, die energischen Forderungen Österreich-Ungarns nicht zu erfüllen: Direkt nach dem Attentat auf Franz Ferdinand hat die Regierung klargestellt, nicht im Entferntesten mit dem Tod des Thronfolgers in Verbindung zu stehen. Alle Täter stammten aus dem annektierten Bosnien und seien – ironischerweise muss man sagen – eigentlich Österreicher. Dass diese Aussage in den Ohren der Österreicher beinahe zynisch klingt, verwundert nicht. Die geschwächte Monarchie muss hart auf die Ermordung des Thronfolgers reagieren. Am 25. Juli antwortet Serbien auf das 48-stündige Ultimatum und verweigert jegliche Einmischung von außerhalb in die Ermittlungen zum Attentat: „Die königliche Regierung hält es selbstverständlich für ihre Pflicht, gegen alle jene Personen eine Untersuchung einzuleiten, die an dem Komplotte vom 15./28. Juni beteiligt waren oder beteiligt gewesen sein sollen, und die sich auf ihrem Gebiete befinden. Was die Mitwirkung von hierzu speziell delegierten Organen der k.u.k.-Regierung an dieser Untersuchung anbelangt, so kann sie eine solche nicht annehmen, da dies eine Verletzung der Verfassung und des Strafprozeßgesetzes wäre. Doch könnte den österreichisch-ungarischen Organen in einzelnen Fällen Mitteilung von dem Ergebnisse der Untersuchung gemacht werden.“ Die europäischen Staaten reagieren gemäß ihrer Bündnis-Rollen auf die Antwort Serbiens.

Österreich stuft sie als „unaufrichtig“ ein, die Entente-Mächte werten sie als Entgegenkommen an die k.u.k.-Monarchie. Am 27. Juli kehrt Kaiser Wilhelm II. aus seinem Urlaub zurück und hält Serbiens Antwort für eine „Kapitulation der demütigsten Art“. „Es gibt keinen Kriegsgrund“, sagt er. Doch Reichkanzler Bethmann Hollweg will den Krieg. Das ahnt auch Zar Nikolaus II. und macht bereits seine Truppen mobil, während sein Freund „Willy“ ihm in einem Telegramm um eine diplomatische Lösung bittet. Österreich zieht am 28. Juli die Konsequenz aus Serbiens Entscheidung, die Forderungen nicht zu hundert Prozent zu erfüllen: Kaiser Franz Joseph unterzeichnet die Kriegserklärung. Schon am 29. Juli beschießen die Österreicher Belgrad. Die Machthaber in Berlin sind geschockt, vor allem als sie erfahren, dass Russland bereits mobil macht. Andererseits eine gute Gelegenheit: Denn da Russland vor dem Deutschen Reich mobil gemacht hat, kann dem Zarenreich fortan die Kriegsschuld zugewiesen werden. Selbst Wilhelm II. sieht keine friedliche Lösung mehr mit seinem persönliche Freund Zar Nikolaus. Der Kaiser weint, als er am 1. August die Mobilmachung des Deutschen Reiches unterschreibt. Jetzt laufen die Bündnismechanismen: Zwar will Zar Nikolaus II. die Generalmobilisierung Russlands rückgängig machen, um noch irgendwie einen Krieg zu verhindern, doch er ist längst eine Marionette des Militärs geworden. Auch die französischen Bündnispartner drängen: Der Außenminister Sasonow eilt zu einer Audienz bei Zar Nikolaus und beschwört ihn: „Wir haben die Grenzen unserer Nachgiebigkeit weit überschritten“, man könne dem Krieg nicht entgehen. Der Zar hat ein Einsehen. Er befiehlt endgültig die Mobilmachung gegen Österreich – und gegen das Deutsche Reich. Denn im Juli hatte er versprochen, im Kriegsfall zunächst Ostpreußen anzugreifen, um Frankreich zu schützen.

Da es keine Alternative zum Schlieffenplan gibt, erklärt Deutschland Russland und Frankreich den Krieg und folgt dem Vorhaben, zunächst Frankreich zu schwächen. Dazu muss Kanzler Hollweg das neutrale Belgien besetzen – und ruft dadurch Großbritannien auf den Plan. Denn die Briten sind als Bündnispartner Belgien gegenüber verpflichtet, einzugreifen, wenn das Land angegriffen wird. Gegen den Willen der Bevölkerung greift Großbritannien in den rasant ausgebrochenen Ersten Weltkrieg ein. Auch in den anderen Staaten bleibt im Volk jegliche Kriegsbegeisterung aus. Für die meisten Menschen ist die Nachricht der Mobilmachung ein tiefer Schock. Sie verstehen die Zusammenhänge nicht, warum sie plötzlich ihr Leben riskieren müssen, hatten die Regierungen doch vor wenigen Wochen noch Frieden versprochen. So hilflos wie ihre Machthaber stolpern sie in einen vierjährigen Krieg, in dem 20 Millionen Menschen getötet und 21 Millionen durch neue und ungeahnt brutale Schusswaffen verstümmelt und entstellt werden sollen.

Epilog

Multipolare Welten

Ein hochkultiviertes Europa befindet sich 1913 im Aufbruch – und erlebt Zeiten der Veränderung. Nur ein Jahr später werden durch politische Verwicklungen eines verkrusteten Herrscher-Systems alle positiven Entwicklungen gestoppt. Europa geht in einem Blutbad unter.

„Die Männer von 1914 sind unsere Zeitgenossen“, schreibt der Historiker Christopher Clark, der sich in seinem Buch „Die Schlafwandler“ ausführlich mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges auseinandersetzt. Seine These: Wie 1914 ist die Welt heute multipolar. Wir leben nicht in einer Epoche der bipolaren Stabilität, in der sich – wie im Kalten Krieg – zwei Supermächte gegenüberstehen. 1914 gab es mit mindestens fünf gleichwertige Mächte: Das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland und Großbritannien, ganz zu schweigen von zahlreichen souveränen Akteuren wie dem Osmanischen Reich. Die Welt ist heute ähnlich komplex strukturiert.

Christopher Clark schreibt in „Die Schlafwandler“: „Dabei muss jedem Leser aus dem 21. Jahrhundert, der den Verlauf der Krise aufmerksam verfolgt, deren Aktualität ins Auge springen. Alles fing mit einem Kommando von Selbstmordattentätern und einem Autokorso an. Hinter der Gräueltat von Sarajevo stand eine erklärte Terrororganisation, die einen Opfer-, Todes- und Rachekult pflegte; überdies war diese Organisation extraterritorial und kannte keinen eindeutigen geographischen oder politischen Ort. […] Die Anschläge auf das World Trade Center im September 2001 haben uns exemplarisch vor Augen geführt, inwiefern ein einziges, symbolträchtiges Ereignis – so tief es auch in einem größeren historischen Prozess verwurzelt sein mag – die Politik unwiderruflich verändern kann, indem es bisherige Optionen zunichtemacht und neuen Optionen eine unvorhersehbare Dringlichkeit verleiht.“

Steht Europa vor einer ähnlichen Krise wie vor 100 Jahren? Diese Frage stellen sich viele Menschen angesichts der aktuellen Ereignisse in der Ukraine, seit Russland die Krim annektiert hat. Die politische Eskalation hat den Bürgerinnen und Bürgern Europas vor Augen geführt, dass der Frieden keineswegs so sicher ist, wie es sich innerhalb der Europäischen Union anfühlen mag. In Teilen des Balkans sind nach wie vor friedenssichernde Maßnahmen großer Staaten nötig – Bosnien-Herzigovina steht beispielsweise unter der Verwaltung westlicher Länder. Die Unsicherheiten in den Kleinstaaten sorgen dafür, dass sich Russland ähnlich unsicher fühlt wie das Deutsche Reich 1914. Schon lange fürchtet Präsident Vladimir Putin, dass sein Russland als weltpolitischer Akteur geschwächt wird. Ihn Plagen ähnliche Ängste wie vor 100 Jahren Kaiser Franz-Josef von Österreich-Ungarn. In diesen Ängsten liegt unter anderem die Annexion der Krim begründet.

Natürlich handelt es sich bei der Krim-Krise nur um eine politisch ähnliche Situation – eine Entwicklung wie 1914 ist nicht vorherbestimmt. Damals fehlte eine kontrollierende Macht in Europa, die einen Zusammenstoß zwischen den Konfliktparteien hätte aufhalten können. Heute muss die Europäische Union die Rolle des klugen Vermittlers spielen. Es wird sich zeigen, wie stark das Bündnis ist – und wie es handeln wird.

Der Philosoph Slavoj Žižek setzt wenig Hoffnung in die Machthaber Europas. 2013 schrieb er in der britischen Zeitung „The Guardian“: „Es verbreitet sich dieses Misstrauen gegen die Demokratie […] immer mehr auch in den entwickelten Ländern des Westens. Und wenn dieses Misstrauen gerechtfertigt ist? Was, denn nur Experten uns retten können, sei es bei voller oder bei reduzierter Demokratie? Nun bietet die heutige Krise reichlich Beweise dafür, dass es nicht die Bevölkerung ist, sondern diese Experten selbst, die in ihrer großen Mehrheit nicht wissen, was sie tun. Im westlichen Europa werden wir Zeuge einer wachsenden Unfähigkeit der herrschenden Elite – sie versteht immer weniger zu herrschen.“

 

“Das Schönste an einem freien Staat ist,
dass keiner zuzuhören braucht, wenn ihm die Lust dazu fehlt.”

Ambrose Bierce
1842 – 1914

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